Archiv für November 2008

Von wegen!

28. November, 2008

Ach, von Zeit zu Zeit, da wünscht ich, ich könnt’ immerzu ganz differenziert denken, sprechen und handeln. Blöd nur, dass Polemik so viel Spaß macht:

Das „freie Spiel der Märkte“ regelt allenfalls eure Mütter!

Nein, mir geht es hier nicht um die aktuelle Wirtschafts-, respektive Finanzkrise! Glücklicherweise konnte mich meine Ignoranz bis dato vor wirtschaftswissenschaftlichem Detailwissen über deren Ursachen, Auswirkungen und Zusammenhängen schützen. Alles Streben nach Erkenntnis in Ehren, aber in diesem Falle ist meine Ignoranz nicht nur geduldet, sondern gewollt. Ich habe im Regelfall Schwierigkeiten, die Berührungspunkte zwischen irgendwelchen monetären Seifenblasenrealitäten und dem, was ich Tag um Tag erlebe, auszumachen und zu verstehen.

Entgegen dieser Regel steht aber gerade jetzt einer dieser Berührungspunkte ganz greifbar vor mir: Der eeePC 1000H, von M$ und seinem Windoof befreit durch Debian GNU/Linux. Ein Traum! Nein, wirklich! Ein elektronisches Gerät, dass genau so, wie ich es dazu instruiere, mir Arbeit erleichtert oder sogar ganz abnimmt.1

Warum gibt es solcherlei Netbooks nicht schon seit zehn Jahren? Oder wenigstens seit fünf? Es ist ja nicht so, als dass ich mit meiner Begeisterung allein wäre: Das krisenresistente Wachstum der Netbook-Sparte hat schon den einen oder anderen bei heise.de dazu veranlasst, von einer „Lizenz zum Gelddrucken“ zu sprechen.

Umso weniger verständlich war hier die schnarchnasige Reaktion der Angebotsseite. Ein Ausschnitt daraus verlief vor meinem inneren Ohr etwa so:

Management: „Wiewaswo? Häh? Kompakt, portabel, sparsam und durch unprätenziöse Hardware auch noch erschwinglich? Wer will das denn?“

Marketing: *Fasel*, *buzzword*, Green IT, *murmelmurmel*, „Netbook“!

Management: „Ach?! Na, dann sagt mal der Entwicklungsabteilung bescheid!“

[...]

Entwicklungsabteilung: „Jaja, wir wissen wovon die Rede ist, die Entwürfe liegen hier seit anno Tobak in der Schublade. Habt ihr unsere Memos nicht gelesen?!“

Kurzum: Hier haben die „freien Märkte“ und ihre (Achtung, Paradoxon!) „Lenker“ versagt. Mal wieder.

1 Das ist in dieser Formulierung natürlich eine Steilvorlage für die Apple-Fraktion. Gegen Apple sprechen für mich aber seit eh und je zwei triftige Gründe: €’s und Closed Source.

Schön billig

28. November, 2008

In meiner Zeit als Mitglied bei McFit hatte ich die Gelegenheit, viele interessante Beobachtungen zu machen. Sehr wenige davon waren lehrreich, einige irritierend, die meisten amüsant. Hätte ich momentan deutlich mehr Zeit zur freien Verfügung, würde ich ein kleines Buch damit füllen.
Die (vorläufig letzte) Beobachtung, die ich aber anstellen durfte, war weder irritierend noch amüsant, sondern schlicht besorgniserregend:

Das Geschäftsmodell von McFit ist denkbar einfach, ergibt sich eigentlich schon direkt aus dem Namen. An der Qualität des Trainings wird an allen Ecken gespart, um dass Angebot möglichst günstig zu halten und dadurch viele Kunden anzuziehen. Dieser Sparkurs wirkt sich natürlich als erstes auf die Qualität der Betreuung aus, da gutes Personal teuer ist. Man möge mich hier nicht falsch verstehen: Ich erwarte keine gute Dienstleitung für wenig Geld. Dennoch: McFit versucht nun seit einiger Zeit damit gegenzusteuern, dass anstelle von kompetentem Personal interaktive Computerterminals direkt an der Trainingsfläche aufgestellt werden. An denen hat der geneigte Kunde die Möglichkeit, sich über Trainingsmethoden, Übungen, Ernährung und dergleichen zu informieren.

Nun trieb mich vor einiger Zeit die Neugier an ein solches Terminal. Fairerweise muss ich sagen, dass ich nur erwartete, meine Vorurteile bestätigt zu finden. Ich versuchte also zu ergründen, ob die Übungen grundlegenden Übungen meines Trainings in den Übungsinstruktionen überhaupt berücksichtigt würden. Das Ergebnis fiel in etwa aus wie erwartet: Während Bankdrücken wie selbstverständlich in mehreren Varianten dargestellt wird, sucht man nach Kreuzheben vergebens. (Wer jetzt geneigt ist zu entgegen: „Ja ist doch logisch, Kreuzheben ist doch auch schlecht für den Rücken!“, wende sich entweder zwecks Belehrung vertrauensvoll an mich oder stelle sich in die Ecke um sich seiner/ihrer Ignoranz zu schämen.)
Staunen musste ich aber doch, als ich sah, wie genau die computeranimierte Dame in modischer Sportbekleidung die Kniebeuge vorturnte. Zum einen führte sie in der Abwärtsbewegung ihre Knie deutlich über ihre Fußspitzen hinaus, zum anderen hielt sie gemäß der expliziten Anweisung der Übungsbeschreibung den Winkel zwischen Ober- und Unterschenkeln stets größer als 90°. Kraftdreikämpfer würden das wahrscheinlich nicht einmal eines abfälligen Kommentars für würdig befinden. Das mögen aber die Kraftdreikämpfer und die Einfach-Gut-Ausseher von McFit bei Gelegenheit und an anderem Ort unter sich ausmachen.
Mir aber flog endgültig die Hutschnur weg, als mir auf dem Touchscreen vorgeturnt wurde, dass ich bei der Kniebeuge vor mir auf den Boden zu schauen habe. Denn was tut man, wenn man mit einer Langhantel im Nacken die Knie beugt und nach unten schaut? Richtig – man neigt den Kopf nach vorn. Ob das mit einer Langhantel im Nacken wohl bestenfalls zu Nackenschmerzen führt? Ich möchte es nicht ausprobieren.
Ich möchte aber eindringlichst behaupten, dass das Beugen der Knie mit einem schweren Gewicht im Nacken bei zu großer Vorlage durch falsche Kopfhaltung zu ernsthaften Verletzungen der Wirbelsäule führen kann! Ob es letztlich die Hals- oder die Lendenwirbel sind, die geschädigt werden, bleibt dann allein dem Zufall überlassen.

Himmel, was für ein Saftladen! Das war genau der Tropfen, den es für mein volles Fass noch brauchte.

Ti**en! Fraß! Hitler!

12. November, 2008

Im einem vorigen Post fragte ich abschließend, ob sich in den letzten Jahren vornehmlich das Fernsehprogramm oder eher das Fernsehpublikum verändert hat. Wer die zugrundeliegende Beobachtung meinerseits nicht nachvollziehbar findet, dem schlage ich folgende Veranschaulichung vor:
Beim nächsten ziellosen Zappen durch die Kanäle einfach mal immer dann lauthals und ungehemmt „Ti**en!“, „Fraß!“ oder „Hitler!“ ausrufen, wenn die laufende Sendung auf dem gerade erreichten Kanal eines dieser Themen auf eine Art und Weise darstellt, die offensichtlich die Information des Zuschauers zugunsten der Unterhaltung1 sträflich vernachlässigt.

Allein an der zuerst irritierten, später entnervten Reaktion der Mitbewohner/Familienmitglieder/Freunde in Hörweite wird dann garantiert deutlich, wovon ich spreche.
(Erfreulich wäre es zu guter Letzt doch, wenn man daraus ein feucht-fröhliches Trinkspiel ableiten könnte. Vorschläge dazu sind in den Kommentaren sehr gern gesehen!)

Terry Pratchett hat seinen Lord Vetinari einmal in diesem Zusammenhang an den Gründer der ersten Zeitung der Scheibenwelt folgende Worte richten lassen:

„People like to be told what they already know. Remember that. They get uncomfortable when you tell them new things. New things … well, new things aren’t what they expect. They like to know that, say, a dog will bite a man. That is what dogs do. They don’t want to know that a man bites a dog, because the world is not supposed to happen like that. In short, what people think they want is news, but what they really crave is olds.“

1 neudeutsch „Entertainment“, in den übleren Fällen auch mal „Edutainment“

Demagogievorwurf

7. November, 2008

Seitdem die Linkspartei wahrnehmbar in Parlamenten vertreten ist, wird sie, meistens in der Gestalt ihres Vorsitzenden Oscar Lafontaines, immer wieder der Demagogie bezichtet. Ob das zutrifft, soll an dieser Stelle aber gar nicht diskutiert werden. Vielmehr stolperte ich neulich über ein schönes Beispiel dafür, dass Demagogie auch von geschickteren Leuten als dem oben Genannten auf viel subtilere Art betrieben werden kann.

So ließ sich vor einiger Zeit in der WDR-Sendung „Hallo Ü-Wagen“ zum Thema Studiengebühren vom 18.10.08 nämlich Herr Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes NRW sowie Landesvorsitzender der NRW FDP, zu folgender Äußerung hinreißen:

Und wenn sie [die Kinder] dann so stark sind und können studieren, dann schaffen wir es doch, einmal über BAföG, was wir auch ausgeweitet haben, [...], dass wenn Studienbeiträge erhoben werden, jeder die Möglichkeit hat, unabhänging von Einkommen und Herkunft, diese Studienbeiträge erst nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums, zwei Jahre nach Eintritt in seinen Beruf, unter der Maßgabe, dass er dann ein hinreichendes Einkommen erzielt, in Raten zurückzahlen zu können.“

Soweit für den Außenstehenden kaum anstößig. Gesagt wird ja nur, dass jemand, der einen Studienkredit aufgenommen hat, ihn erst nach dem Studium, sogar erst zwei Jahre nach Eintritt in den Beruf, in Raten zurückzahlen soll. Danach aber wird es interessant:

Und jetzt frage ich auch mal die Bürgerinnen und Bürger: Ist es nicht zumutbar, wenn jemand Medizin studiert, wofür die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler insgesamt rund 200.000 bis 250.000€ staatlicher Mittel bereit stellen, und danach im Regelfall in einen gut bezahlten Beruf wechselt, dann einen kleinen Teil, nämlich maximal bis 10.000€ an Studienbeiträgen zurück zahlt? Ich finde das eine gerechte Beteiligung. Bisher hat die Krankenschwester, haben andere das Studium komplett bezahlt. Wenn Akademiker die bislang die besten Berufschancen haben, davon ein kleines Stück zurück geben an die Gesellschaft ist das, wie ich finde, in hohem Maße sozial verträglich!“

Schon wissen wir, woher der Wind weht. Während der erste Teil von Herrn Pinkwarts Äußerung noch verhältnismäßig unstrittig ist, versteckt sich im zweiten Teil nicht nur die zu erwartende Ideologie, sondern sogar gezielte Hetze: So wird hier versucht, zwei verschiedene Berufsklassen gegeneinander auszuspielen anhand des Scheinkriteriums der unterstellten besseren Berufschancen einer der beiden Klassen, hier der Akademiker. Richtig ist Pinkwarts Unterstellung natürlich, wenn man für Akademiker „Ingenieur“ und für Berufsschulabsolventen „Krankenpfleger“ einsetzt.
Aber wie verhält es sich denn mit Blick auf die Berufschancen gegenwärtig und auf absehbare Zeit mit den Berufspaaren Philosoph / Krankenpfleger und Soziologe / Krankenpfleger oder gar Kunsthistoriker / Solarheizungsinstallateur?

Ein Hinweis zur Beantwortung dieser Frage sei hier ganz unhöflich mit einer Gegenfrage gegeben: Kann man einem halbwegs realitätsverbundenem deutschen Abiturienten gegenwärtig ohne zu lügen klar machen, dass er als Kunsthistoriker bessere berufliche Aussichten habe als der Mitabiturient, der sich für eine Berufsausbildung im Handwerk entschieden hat?

Es wird deutlich, dass der normativen Aussage „bessere Berufschancen rechtfertigen höhere Ausbildungskosten“ durch Studiengebühren kaum Rechnung getragen werden kann. Denn wer diese Aussage in konkrete Gesetzgebung umwandeln und gleichzeitig freimütig von „sozialer Verträglichkeit“ sprechen möchte, der hätte entweder Studiengänge mit schlechten Berufsaussichten von Gebühren zu befreien oder Berufsausbildungen mit guten Aussichten mit Gebühren zu belegen oder konsequenterweise sogar beides zu gewährleisten.

Zudem suggeriert Pinkwarts Ausführung, dass ein Mediziner nach seiner Ausbildung nichts anderes täte, als für sich allein die Früchte seiner guten Berufschancen zu ernten, ergo viel Geld zu verdienen. Liegen aber die Dinge nicht viel mehr so, als dass ein akademisch geschulter Mediziner am Ende des Monates nicht nur ein stattliches Gehalt nach Hause trägt, sondern sich auch vier Wochen lang um die Gesundheit seiner Patienten bemüht hat? Ist es nicht auch so, um noch einmal auf die Kosten einer Mediziner-Ausbildung zurückzukommen, dass das durch ein Mediziner-Berufsleben erzeugte Mehr an Gesundheit der Bevölkerung in etwa 250.000€ wert ist?

Aber das sind Abschweifungen. Eingangs war von Demagogie die Rede, daher sei schnell die nächstliegende, also nach Du-Weißt-Schon-Wem zitierte Definition des Begriffes angegeben:

„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“
– Martin Morlock 1977

Demnach muss der Eindruck entstehen, dass sich Innovationsminister Pinkwart eindeutig der Demagogie schuldig gemacht hat. Das wiederum wirft, vorsichtig gesagt, in Sachen Qualifikation und Integrität ein schlechtes Licht sowohl auf das Amt des „Innovationsministers“ als auch auf den Amtsinhaber.